Perspektiven: Wie viel Innovation ist im Gesundheitssystem noch leistbar?

Gestern Montag fand in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien eine hochkarätig besetzte Diskussion mit U.S.-Botschafterin Alexa Wesner, Philosoph Peter Sloterdijk und Christoph Zielinski über die Rahmenbedingungen statt, die Innovationen am Gesundheitsmarkt benötigen.

 

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Innovationen verändern den Blick auf die Welt

U.S.-Botschafterin Alexa Wesner (Bild o.) hob die Bedeutung von Innovationen in den Vereinigten Staaten hervor: „Amerikanische Innovationen wie die Mondlandung, Microsoft und Apple haben die Art, wie wir die Welt sehen, grundlegend verändert. Entrepreneurship ist in der DNA der Vereinigten Staaten fest verankert.“ Anlässlich des Themas des Abends erinnerte sie an eine aktuelle Gesundheitsinitiative: „Präsident Barack Obama hat das Volk und die Welt im Kampf gegen den Krebs dazu aufgerufen, größer zu denken und das Unmögliche zu versuchen.“

 

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Innovationsteufel aller Länder vereinigt Euch

Im Gespräch mit Moderator und KURIER-Herausgeber Dr. Helmut Brandstätter (Bild o.) führte Autor und Philosoph Prof. Dr. Peter Sloterdijk (Bild u.) mit einem biblischen Vergleich in das Innovations-Thema ein: „Wir leben am zehnten Tag der Schöpfungsgeschichte, in der die Kontrolle der Elemente und die Rekonstruktion des Lebens auf der Agenda stehen.“ Die Menschen verlieren ihre angeborene Demut und bauen durch den Gewinn der Kontrolle ein starkes Selbstbewusstsein auf, fasst der Gelehrte zusammen. Die Furcht vor dem Neuen weiche der Freude am Neuen – schließlich sei der Mensch von Haus aus neugierig. „Die Menschen werden aus den Verrücktheitskäfigen der einzelnen Kulturen entlassen und wieder neugierig werden“, bringt es Sloterdijk auf den Punkt.

 

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Humanistische Gesellschaft verlangt Investitionen in Gesundheitsinnovationen

Onkologe Univ.Prof. Dr. Christoph Zielinski (Comprehensive Cancer Center Wien, Bild unten) setzt sich für Investitionen in die Gesundheitsforschung ein: „Wir brauchen alle anderen Innovationen nicht, wenn wir die Gesundheit nicht erhalten können.“ Als Beispiel führt er die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate von Krebspatienten an, die in den letzten 20 Jahren durch neue Forschungserkenntnisse von 44 auf 61 Prozent gestiegen ist. Damit sieht er Investitionen in die Gesundheit als Grundgerüst einer humanistischen Gesellschaft, wie sie sich Europa zum Ziel gesetzt hat. Aktuell befinden sich über 6.000 Krebs-Medikamente in Entwicklung, die demnächst auf den Markt kommen werden.

 

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Mehr Transparenz in der Preisbildung

Ethiker Prof. Dr. Ulrich H. J. Körtner (Universität Wien) zeigt auf, dass die Zwei-Klassen-Medizin Realität geworden ist und die Verteilungsgerechtigkeit in der Solidargesellschaft bald ihr Ende erreichen könne. „Im Sinne der Ethik muss die Preisbildung im Gesundheitswesen transparent werden“, fordert er.

 

Patienten müssen im Fokus der Innovationen stehen

Wiener Krankenanstaltenverbund-Generaldirektor Udo Janßen warnt vor der in den letzten Jahren überdurchschnittlich hohen Preisentwicklung bei einzelnen Medikamenten. Dem entgegnet Zielinski, dass Medikamente für sehr seltene Erkrankungen mit sehr hohen Entwicklungskosten belastet sind.

Ulrike Rabmer-Koller, Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, fordert Innovationen im Sinne der Patienten. Aus der Praxis berichtet sie von den Problemen durch das strukturierte und differenzierte System in Österreich und wünscht sich Reformen zur weiteren Effizienzsteigerung. Sie ruft zum Miteinander aller Player im Gesundheitssystem auf, um es zukunftsfit zu machen und finanzierbar zu halten. „Wir brauchen Mut, um die Effizienzpotenziale im System zu heben. Wir müssen den Patienten und nicht die Institutionen in den Mittelpunkt stellen!“, erklärt die Präsidentin abschließend.

 

(Alle Fotos:  © B&K/Nicholas Bettschart )

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