Überstundenberge in Krankenhäusern – ein hausgemachtes Mangelproblem?

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Einen kaum abbaubaren Berg von 35,7 Millionen Überstunden schieben die Beschäftigten in Deutschlands Krankenhäusern vor sich her, wie eine bundesweite Befragung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) aufzeigte. Doch jahrelange Protestaktionen (Bild) sowie Petitionen an Ministerien und den Bundestag verhallen scheinbar ungehört, Pflegestellenförderprogramme verpuffen nahezu wirkungslos. Und der Berg wächst weiter…

 

Wegen des Personalmangels werden zur Aufrechterhaltung der Versorgung im Durchschnitt vier Überstunden pro Beschäftigten schon im Voraus in die Dienstpläne eingestellt. Hinzu kommen laut ver.di weitere zwölf unvorhersehbare Überstunden pro Beschäftigten und Monat. Das bedeutet, dass die Pflegekräfte zehn Prozent ihrer Arbeitszeit Monat für Monat zu einem nicht planbaren Zeitpunkt erbringen müssen. Der Befund ist wahrhaftig alarmierend: Um die Versorgung der Patienten aufrecht zu erhalten, werden Überstunden systematisch eingeplant. Ohne das zusätzliche Engagement des Pflegepersonals würde das System Krankenhaus nicht mehr funktionieren. In der stationären Altenpflege ist die Situation ähnlich schlecht.

Der Befund ist klar – wer verordnet endlich die Therapie?

Mehr als zwei Drittel der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer_innen möchten gerne kürzer arbeiten, als sie es derzeit tun. Jeder Arbeitnehmer in Deutschland hat im vergangenen Jahr im Durchschnitt fast 50 Überstunden geleistet. (Quelle: DGB Index Gute Arbeit). Die Situation der Beschäftigten in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist unhaltbar, Druck und Anspannung sind unerträglich hoch. Das Gesundheitssystem funktioniert laut ver.di an vielen Orten nur noch, weil Beschäftigte bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit gehen und Überstunden leisten, um den Personalmangel auszugleichen.

 

Diverse „Pflegestellenförderprogramme“ der Bundesregierung sind nahezu wirkungslos und nicht einmal ausreichend, um die angehäuften Überstundenberge abzutragen – von einer verbesserten Personalausstattung ganz zu schweigen. Laut ver.di seien allein für den dauerhaften Überstundenabbau 17.800 zusätzliche Stellen in den Krankenhäusern erforderlich. „Die Beschäftigten im Gesundheitswesen so auszupressen, ist beschämend und hat schwerwiegende Folgen für die Betroffenen: überdurchschnittlich hohe Krankenstände, nur die wenigsten können ihren Beruf bis zum Rentenalter ausüben“, betonte Frau Bühler (ver.di Bundesvorstand) bei der Protestaktion in Berlin: „Unter diesen Bedingungen macht Arbeit im Gesundheitswesen krank.“

Bereits im Vorjahr hatte ver.di auf den eklatanten Personalmangel im Gesundheitsbereich aufmerksam gemacht, zuletzt mit einer Petition zur Einführung einer gesetzlichen Personalbemessung an den Deutschen Bundestag. Für Altenpflegeeinrichtungen ist eine Personalbemessung zwar bereits gesetzlich verankert, tritt aber erst im Jahr 2020 in Kraft – aus Sicht der Gewerkschaften ver.di viel zu spät. Deshalb fordert ver.di auch dort eine sofortige Einführung und konsequente Umsetzung von bundesweiten gesetzlichen Personalmindeststandards. „Wir brauchen dringend mehr und gut qualifiziertes Personal“, so Bühler.

 

Details über die bundesweiten Aktionen, Hintergrundinformationen und Datenmaterial finden Sie hier.

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