Demenz: Gratwanderung zwischen Autonomie und Fürsorge

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Anlässlich des Weltalzheimertages 2016 fand im Tiroler Landhaus in Innsbruck eine Tagung des GesundheitsPädagogischen Zentrums statt. Im Fokus stand die Frage, wie das Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitsrechten und Fürsorgepflichten konstruktiv gelebt werden kann?
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Hon.Professor Dr. Helmut Schwamberger (Landesamtsdirektor a. D., bekannt durch seine Kommentare zum Pflegeberufegesetz GuKG 1997), erläuterte die Rechtsgrundlagen, die für Menschen mit kognitiven Einschränkungen wirksam sind. Das Recht auf Würde und Autonomie stehe im Spannungsfeld mit der Fürsorgepflicht und stelle vielfach ein Dilemma für die Pflegepersonen (und pflegenden An-/Zugehörigen) dar.
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Pflegewissenschaftlerin Dr.in Maria Riedl, Entwicklerin des „Integrativen Pflegekonzepts“, erläuterte anhand eines konkreten Fallbeispiels sehr anschaulich, was „Würde erhalten“ bedeutet, nämlich das zu würdigen, was ein Mensch in seinem Leben gemeistert und erreicht hat. Ihre zentrale Botschaft ist einfach: „Lass mich sein, der ich war, lass mich mitbestimmen, steh mir bei im Vergessen, hör mir zu im Erinnern“.
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Der Soziologe und Buchautor Professor Dr. Reimer Gronemeyer (Universität Gießen, Archivbild) stellte fest: Demenz sei vor allem eine Alterserscheinung und keine Krankheit. Demenz passe zur zunehmend herrschenden Kultur der Erinnerungslosigkeit. Alte Menschen verlieren mit ihren sozialen Aufgaben ihren Sinn. Ihre Erinnerungen werden nicht mehr gebraucht. Er habe keine Rezepte parat, sondern stelle viele Fragen in den Raum, so Gronemeyer.
Wichtig erschien ihm die Perspektive aus der Umkehr: Wie erleben Demenzbetroffene ihr Umfeld? Eine Welt geprägt von einer Raserei zur Selbstverwirklichung, wo Menschen „nix mehr im Kopf haben, aber alles auf der Festplatte“, wo Autonomie fern vom „WIR“ verstanden wird.
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Ein Innehalten, eine neue Kultur des Helfens und die Neuerfindung einer nachbarschaftlichen Gesellschaft seien nötig. Darauf einigten sich auch die Gäste der Podiumsdiskussion am Nachmittag: Für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ist es wichtig, so lange wie möglich im Leben und Teilhabe zu bleiben.
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