Studie rückt subjektive Perspektiven von Demenz“kranken“ in den Blick

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DPGKP Raphael Schönborn, MA (Tirol/Wien. Foto: ServusTV 2016)
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Sind Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen (MmD) eigentlich krank? In dieser Frage scheiden sich im internationalen Diskurs seit vielen Jahren die Geister. Wir sind nicht krank, meinen viele Betroffene und entwickeln kompensatorisch individuelle Bewältigungsstrategien, um ihr positives Selbstbild zu bewahren und ihren Wunsch nach Autonomie und Würde möglichst lange aufrecht zu erhalten.
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Wie ist eigentlich die Wahrnehmung durch die Betroffenen selbst, welche individuellen Bedürfnisse und Wünsche an ihr soziales Umfeld haben sie? Der Gesundheits- und Krankenpfleger Raphael Schönborn (37, Bild) hat im Zuge seiner kürzlich erfolgreich approbierten Masterarbeit ausführliche Gespräche mit Betroffenen geführt. Ziel der Interviews war es, auf Grund der gewonnenen Erkenntnisse evidenzbasierte, bedarfsgerechte psychosoziale Interventionsmöglichkeiten zu entwickeln.
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Als Kern habe sich die „Fähigkeit zur Selbsterhaltung“ von MmD herausgestellt, reümiert der Autor: „Die subjektiv wahrgenommenen, kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen werden durch Anpassungs- und Bewältigungsprozesse kompensiert. Ein kontinuierlich positives Selbstbild als autonome, funktionsfähige und nicht erkrankte Person bleibt dadurch aufrecht“. Somit empfehle sich für die praktische Anwendung die „Fähigkeit zur Selbsterhaltung“ als Ressource zu fördern, indem Defizitkonfrontationen vermieden und die Selbstorganisation der Betroffenen unterstützt werden.
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Bedeutsam seien die Ergebnisse laut Schönborn für evidenzbasierte Qualifizierungsmaßnahmen, als Beitrag zur „demenzsensiblen Forschungskultur“ sowie zur Selbstvertretung von MmD im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs. Zusammenfassend  wird festgestellt, dass sich folgende Interventionen als förderlich und stabilisierend für die Befindlichkeit und den Selbstwert der Betroffenen herausgestellt haben: die Reflexion über die subjektive Demenzwahrnehmung unter Berücksichtigung der jeweiligen Bewältigungsstrategien und Belastungsgrenzen, Wertschätzung für soziale Rollen und positive Selbstdarstellungen, Anerkennung und Bestätigung von Autonomie- und Selbstbestimmungsbestrebungen, Förderung der Selbstständigkeit und Entscheidungsfreiheit als auch die Förderung biografischer Erzählungen zur Identitätserhaltung und Unterstützung bei der Selbstorganisation von Aktivitäten zur Kompensation von Beeinträchtigungen.
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Es konnte in dieser Studie gezeigt werden, wie der Erhalt eines positiven Selbstbildes und der Kontinuität im Lebensstil sowie – darüber hinaus – wie das bewusste Vermeiden von Defizitkonfrontationen und Stigmatisierung von den MmD angestrebt und von deren sozialem Umfeld eingefordert wird. Zudem wurden verschiedenste individuelle  Bewältigungs- und Handlungsstrategien sowie die subjektive und selektive Wahrnehmung demenzieller Beeinträchtigungen durch die Betroffenen gut verständlich dargestellt. Als wesentliche Erkenntnis sollte gerade die ausgeprägte Abhängigkeit der Fähigkeit zur Selbsterhaltung der MmD von den Einflüssen der sozialen Umwelt nicht als bedrohlich erlebt, sondern sowohl von Angehörigen als auch von professionellen Betreuungsdiensten als Ressource angesehen und genützt werden.
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Zum sozialen Phänomen Demenz einige zusätzliche, herausragende Literatur- und Medien-Tipps der Redaktion:

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     – Youtube hier: https://www.youtube.com/watch?v=S5oJaISoZzA
     – Standardwerke:
  • Bleib‘ bei mir, auch wenn ich verwirrt sterbe., Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand, Bingen 1999, ISBN 3-934336-10-8.
  • Altenpflege als Beziehungs- oder Bezugspersonenpflege: ein interaktionelles Pflegekonzept. 2. überarbeitete Auflage, Kunz, Hagen 2000, ISBN 3-89495-148-6.
  • Praxis der psychischen Altenpflege: Betreuung körperlich und seelisch Kranker; Lehrbuch der Gerontopsychiatrie und -neurologie für Altenpfleger, Schwestern, Helfer, Sozialarbeiter, pflegende Angehörige und ausbildende Ärzte. 12. neubearbeitete und ergänzte Auflage, Reed Elsevier Deutschland, München-Gräfelfing 2001, ISBN 3-8040-0435-0.
  • Sexualität im Alter: (k)ein Tabu in der Pflege., Kunz, Hagen 2001, ISBN 3-89495-159-1.
  • Altersschwermut: mit 17 Tabellen., E. Reinhardt, München 2001, ISBN 3-497-01573-3 (Reinhardts gerontologische Reihe. Band 25).
  • Die Pflege verwirrter alter Menschen: psychisch Alterskranke und ihre Helfer im menschlichen Miteinander. 9. vollständig überarbeitete Ausgabe, Lambertus, Freiburg im Breisgau 2003, ISBN 3-7841-1499-7.[2]
  • Palliativpflege in der Gerontopsychiatrie: Leitfaden für Pflegende in der Altenhilfe., Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-017479-7.
  • Kompendium der Alters-Psychiatrie und Alters-Neurologie für Altenpfleger-innen. 4. akt. Aufl., Brigitte-Kunz-Verlag, Hannover 2005, ISBN 3-89993-432-6.
  • Gewalt gegen Pflegende: Altenpflegende als Opfer und Täter., Huber, Bern 2007, ISBN 978-3-456-84417-6.
  • Pflege Demenzerkrankter. 4. überarb. Aufl., Brigitte-Kunz-Verlag, Hannover 2009, ISBN 978-3-89993-466-3

 

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Böhm prägte u.a. schon in den 1990erjahren den Begriff des „Normalitätsprinzips“ – dieses geht davon aus, dass jeder Mensch, geprägt durch seine Sozialisation, Kultur und Erfahrungen, eine persönliche Lebensform entwickelt, aus der sich sein Bild eines normalen Verhaltens und Handelns ergibt. Das Normalitätsprinzip nach Böhm fußt darauf, dass Menschen mit einer Demenz verstärkt auf die Normen und Handlungsweisen aus der früheren Lebenszeit zurückgreifen.

 

Standardwerke der gerontopsychiatrischen Pflege (Auswahl):

  • Ist heute Montag oder Dezember?, Verwirrt nicht die Verwirrten, Alte verstehen. Psychiatrie-Verl., Bonn, ISBN 3-88414-108-2. (3 Bände; inzwischen teils in überarb. Neuausgaben vorliegend)
    • Ist heute Montag oder Dezember? Erfahrungen mit der Übergangspflege. Überarb. Neuausg., Psychiatrie-Verl., Bonn 1992, ISBN 3-88414-062-0. (früher u.d.T.: Erwin Böhm: Krankenpflege – Brücke in den Alltag)
    • Verwirrt nicht die Verwirrten. Neue Ansätze geriatrischer Krankenpflege. Orig.-Ausg., 6. Aufl. (der Einzelausg.), Psychiatrie-Verl., Bonn 1992, ISBN 3-88414-097-3.
    • Alte verstehen. Grundlagen und Praxis der Pflegediagnose. Orig.-Ausg., 2. Aufl. (der Einzelausg.), Psychiatrie-Verl., Bonn 1992, ISBN 3-88414-124-4.
  • Psychobiographisches Pflegemodell nach Böhm; Bd. 1: Grundlagen; Bd. 2: Arbeitsbuch. Taschenbuchausg., 3. Aufl., Maudrich, Wien u.a. 1999, ISBN 3-85175-733-5. (2 Bände)
    • Psychobiographisches Pflegemodell nach Böhm; Bd. 1: Grundlagen. 2. Aufl., Maudrich, Wien u.a. 2001, ISBN 3-85175-768-8.
    • Psychobiographisches Pflegemodell nach Böhm; Bd. 2: Arbeitsbuch. 2. Aufl., Maudrich, Wien u.a. 2002, ISBN 3-85175-769-6.
  • Seelenlifting statt Gesichtsstraffung. Älterwerden akzeptieren – Lebensantriebe reaktivieren. 1. Aufl., Psychiatrie-Verlag, Bonn 2005, ISBN 3-88414-385-9.
  • Happy Aging statt Anti Aging. Tipps gegen die selbstgemachte Senilität.  Maudrich, Wien u.a. 2006, ISBN 3-85175-843-9.
  • Sexualität in der Demenz. ENPP-Böhm Eigenverlag, 1. Aufl. 2010 – ISBN: 3-00031-786-4
  • Zuerst muss die Seele bewegt werden, DVD/Video
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Naomi Feil entwickelte bereits in den 1970er-Jahren unter der Bezeichnung „Validation“ eine MKommunikationsmthode für den Umgang mit verwirrten, alten Menschen. Die Validation soll den Demenzbetroffenen eine bessere Lebensqualität bieten und den Pflegenden ihre Aufgabe erleichtern.
Standardwerke:
  • Validation. Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen. 9. überarb. und erw. Aufl. Ernst Reinhardt Verlag, München 2010, ISBN 978-3-497-02156-7, (Reinhardts gerontologische Reihe 16).
  • Validation in Anwendung und Beispielen. Der Umgang mit verwirrten alten Menschen. 6. akt. und erw. Aufl. Ernst Reinhardt Verlag, München 2010, ISBN 978-3-497-02157-4, (Reinhardts gerontologische Reihe 17).

Links:

http://www.validation-eva.com/index.php/de/

http://www.oei-validation.at/

 

sowie nicht zuletzt:

  • Tom Kitwood: Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Huber, Bern; 2008 ISBN 3456845685

 

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