Trotz Krankheit zur Arbeit: Präsentismus – ein unterschätzter Sicherheits- und Kostenfaktor

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Krankheitsbedingte Fehlzeiten (Absentismus) stellen Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiterteams vor große Herausforderungen. Weithin unterschätzt wird jedoch das Gegenstück: Der Arbeitseinsatz trotz Erkrankung (Präsentismus). Wer krank zur Arbeit kommt, setzt nicht nur sich selbst, sondern auch die Kolleg/innen sowie die Klient/innen einem unnötigen Risiko aus. Genau das wird aus falsch verstandener Kollegialität oft unterschätzt – und kann durch erhöhte Fehleranfälligkeit die Patientensicherheit gefährden.

 

Die Fachzeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU)“ diskutiert in der aktuellen November-Ausgabe einige wichtige gesundheitsökonomische Aspekte und Fragen. Die Autoren des Beitrags „Präsentismus – ein unterschätzter Kostenfaktor“, Dr. Nadja Amler, Katrin Docter und Oliver Schöffski vom Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement an der Universität Erlangen-Nürnberg, reflektieren in ihrem Beitrag dieses Phänomen vor dem Hintergrund eines umfassenden Kosten- und Nutzenansatzes im Gesundheitswesen. Dabei werden direkte von indirekten Kosten und Nutzen sowie von „intangiblen Effekten“ unterschieden. Unter diesen subsumiert man monetär nicht quantifizierbare Effekte, etwa Schmerz oder Leid. Medizinische Kosten, so etwa für Diagnosen und Therapien inklusive Arzneimittel, gelten als direkte Kosten, da diese in Geld messbar sind.

 

Ebenfalls messbar sind die indirekten Kosten, etwa der Produktivitätsverlust, der einer Volkswirtschaft entsteht, wenn Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfallen oder, bedingt durch gesundheitliche Einschränkungen, weniger leistungsfähig sind. Zu den indirekten Kosten und Effekten sind ebenfalls jene zu zählen, wenn Mitarbeiter*innen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

Zwar bewegt sich seit langem der Krankenstand in Deutschland auf einem sehr niedrigen Niveau – doch sei die Tendenz erkennbar, dass Arbeitnehmer*innen trotz Krankheit vermehrt arbeiten gehen. Diesen Trend belegen auch Studienergebnisse aus Skandinavien. Dort bewegt sich den AutorInnen zufolge der Anteil der Mitarbeiter, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen, auf einem erschreckend hohen Niveau: Im Jahr 2005 gaben 53 Prozent der Befragten an, im Vorjahr mehr als einmal krank arbeiten gegangen zu sein. In Deutschland liegen hierzu Daten aus zwei repräsentativen Befragungen aus den Jahren 2003 und 2007 vor. In beiden Jahren gaben rund zwei Drittel der Befragten an, im Vorjahr zur Arbeit gegangen zu sein, obwohl sie sich krank gefühlt hätten. Rund ein Drittel der Befragten ging sogar gegen den Rat ihres Arztes arbeiten. Im Geschlechtervergleich gingen Frauen tendenziell öfter trotz Krankheit arbeiten als Männer.

 

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Die Gründe für ein solches Verhalten beschreibt das Autorenteam als mannigfaltig. Die damit einhergehenden Kosten können genauso groß sein bzw. ein Vielfaches der Kosten erzeugen, die Unternehmen und Gesellschaft durch Absentismus entstehen. Darüber hinaus gibt es weitere negative Effekte: Die Mitarbeiter gefährden nämlich nicht nur ihre eigene Gesundheit und die der Kollegen, sondern stellen zugleich auch einen erheblichen Risikofaktor für die Unternehmen und die Patient/innen bzw. Bewohner/innen dar. Eine geringe Arbeitsqualität sowie eine erhöhte Anzahl von Fehlern oder Unfällen bei der Arbeit sind mögliche Folgen.

 

Ferner deuten einige wissenschaftliche Studien auf ein erhöhtes Risiko für einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben hin. Während die Kosten durch Präsentismus noch vor wenigen Jahren kaum berücksichtigt wurden, erfreut sich die Erforschung dieses Phänomens einer zunehmenden Aufmerksamkeit. Vor dem Hinter-grund der damit verbundenen Folgen für den Einzelnen, für die Unternehmen und die gesamte Gesellschaft wäre es wohl dringend erforderlich, die Bewusstseinsarbei für dieses „verschwiegene“ Thema voran zu treiben.

 

Lesen Sie den vollständigen Artikel unter:

http://www.asu-arbeitsmedizin.com/ASU-2016-11/Praesentismus-ein-unterschaetzter-….

 

Quelle: ASU 11-2016, Gentner Verlag

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