Aus meinem Tagebuch – 8. Jänner 2017…

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Heute Früh nach dem dritten Nachtdienst in einer sehr ruhigen Stadt auf dem Nachhauseweg. Entspannt und müde, es waren zwei anstrengendere und dazwischen eine „ruhigere“ Nacht.

Auch mal Zeit, um mit einer Patientin um 2.00 Uhr nachts am Gang sitzend zu sprechen und zu erfahren, wie kompetent sie mit ihrer Schmerzkrankheit umgeht, wie geordnet sie ist, wie sie ihr Leben sieht. Balsam für zwei Seelen, nicht nur für die eine, die sich in ihrem Leid ernstgenommen fühlt.

Auch mal Zeit, eine sterbende Dame in ein Einzelzimmer zu verlegen und in ihren Habseligkeiten beim Zusammenpacken einen schönen, großen, rosa Schal zu finden – und sich zu überlegen, damit eine Art „Baldachin“ für sie zu machen, damit das Licht sie nicht so blendet. Und vielleicht riecht der Schal ja auch noch nach besseren Zeiten und kann sie in ihrer Transzendenz vor dem Tod irgendwie positiv beeinflussen?

 

…Und dann sehe ich am Nachhauseweg eine junge Frau und weiß, ich kenne sie irgendwoher. „Kennen wir uns?“ frage ich sie, und im selben Moment fällt mir ein: Ich habe ihre Großmutter gemeinsam mit meinem damaligen Team in einem Seniorenzentrum bis zum Tod begleitet. Die junge Frau ist jetzt selber Altenfachsozialbetreuerin und gerade auf dem Weg zu einer Klientin. Und weil sie ohnehin zu früh dran ist, nutzen wir die Viertelstunde im leichten Schneefall, um uns über unsere unterschiedlichen Einsatzgebiete auszutauschen (Krankenhaus und mobile Pflege).

Und zu erfahren, wie gut aufgehoben die junge Frau als Angehörige sich mit meinem Team damals gefühlt hat, trotz der schweren Zeit … Und zu erfahren, dass sie aufgrund dieser Erfahrungen keine Angst davor hätte, in einem Heim zu leben und dass sie ein Leben im Heim auch den Klienten und Klientinnen vorschlägt, die isoliert und alleine zu Hause mehr schlecht als recht über die Runden kommen …

 

Pflege. Der beste Beruf, den ich mir vorstellen kann.

Wo sonst kommt man den Menschen in allen, wirklich allen Lebenslagen so dermaßen nahe? Wo sonst muss, … nein DARF man so viel Verantwortung für andere übernehmen, weil Menschen einem „ausgeliefert“ sind in ihrer Desorientiertheit, in ihrem Schmerz, in ihrer Verletzlichkeit, ihrer Verzweiflung? Wo sonst kann man seine Arbeit so überaus selbstbestimmt ausüben – denn: Abseits der fachlichen und gesetzlichen „Zwänge“ kann mir niemand vorschreiben, WIE ich pflege und WIE ich den Menschen gegenübertrete.

…..

 

Zur Autorin:

Renate Pühringer (Bild) lebt und arbeitet in einem Akutkrankenhaus Linz (OÖ). Zuvor war sie u.a. viele Jahre auch in der Langzeitpflege tätig. Eine Kontaktnahme ist via FACEBOOK möglich und willkommen.

 

Anm.d.Red.:

„Ich pflege als die, die ich bin.“  (Sr. Liliane Juchli)

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