Wer ist dieser Herr L. eigentlich?

Luksch

Eine Biographische Erhebung und Interpretation „lege artis“ und am lebenden Subjekt

 

Von DPGKP Christian Luksch

 

 

Grundsätzlich gilt für die Arbeit mit (alten) Menschen, dass jedes Verhalten in dessen Biographie begründet und aus dieser heraus erklärbar ist. Wir müssen uns mit der Lebensgeschichte eines Menschen auseinandersetzen, wenn wir ihn verstehen, aber auch beeinflussen wollen. Anders ist psychiatrische Pflege nicht möglich. Und somatische möglicherweise auch nicht.

Erwin Böhm, ohne den die Altenpflege vieles, aber nichts Professionelles wäre, definierte Biographie einmal als „Nicht die Lebensgeschichte, sondern die Lebensgeschichten.“ Man müsse, um aus dem Verhalten der Alten korrekte Schlüsse ziehen und adäquat handeln zu können, die „Stories“, welche die Alten über sich erzählen, anhören. Sie seien verpackte Geschenke, in denen sich die Ursachen der Verhaltensweisen, die Motive des Handelns und die Lösungen ihrer Probleme verbergen.

Nehmen wir uns diese These mal als Untersuchungsgrundlage und stellen die Frage: Wer ist dieser Luksch eigentlich und was treibt ihn an. Welche Life-Events führten ihn in die Pflege, mit welchem Coping agiert er? Was motiviert ihn hier, im Lazarus, in Zukunft seine Meinung kundzutun?

Plurale Biographie und singuläre Kränkung

Betreiben wir Biographie nach Böhm, erstellen wir nicht nur eine individuelle (= singuläre) Biographie des Subjekts unserer Zuwendung, sondern auch eine kollektive oder plurale Biographie. Also das, was diesen einen Menschen mit anderen, vergleichbaren Personen verbindet. Man könnte auch von einer sozialpsychologischen Prägung und damit einer Sozio-Psycho-Anamnese sprechen.

So wächst z. B. der Autor dieser Zeilen als uneheliches Kind einer Hilfsarbeiterin in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im katholischen Niederösterreich auf. Grundsätzlich braucht es hier keine besonders ausführlichen Angaben mehr, um nun – ein akzeptables Maß zeitgeschichtlichen Wissens vorausgesetzt – schlauer zu werden, bzw. erste Schlüsse zu ziehen. Das tut auch sein Lehrer in der Hauptschule, indem er ihm ein denkwürdiges Bonmot an den Kopf wirft: „Ihr Proletenkinder braucht euch erst gar nicht anzustrengen, ihr seid doch nur für die Fabrik auf die Welt gekommen.“

Der Autor empfindet die Aussage seines Lehrers, den er bis dahin bewundert und idealisiert hat, als tiefe Kränkung und hat jetzt zwei Möglichkeiten – entweder reagiert er genau so, wie der Lehrer sagt (und bestätigt damit dessen Vorurteil) oder er bricht mit ihm und beweist ihm das Gegenteil.

Singuläre Biographie und soziale Salutogenese

In der – parallel zur pluralen Biographie verlaufenden und von dieser stark beeinflussten – singulären Lebensgeschichte kommt es nun zu weiteren „Life-Events“ (= prägenden Erlebnissen), die entweder verdrängt (zumindest vorerst) oder als sog. „Vulnerabilitäten“ (= Verletzlichkeiten) bzw. als „Copings“ (= Bewältigungsstrategien) manifestiert werden. Ob ein Life-Event verdrängt wird (und später dann als neurotisches Symptom wiederkehrt) hängt davon ab, ob es mit anderen kommuniziert wird. Ob daraus eine Vulnerabilität oder ein Coping wird, hängt wiederum davon ab, wie jene mit denen es kommuniziert wird, dieses verstärken.

Der Autor hat Glück, bzw. ein ihn positiv stärkendes Netzwerk. Eine weitere Lehrerin, der Pfarrer und nicht zuletzt der alte sozialdemokratische Bibliothekar des Ortes, verweisen die Meinung des Lehrers auf den Misthaufen zynischer Vorurteile. Der Bibliothekar schenkt ihm ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts – Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ – mit den Worten: „Lies. Frag. Lerne. Zweifle. Denk nach. Zweifle wieder. Denk nochmal nach. Und lass dich niemals von kleinen Kläffern verbellen.“

Weichenstellung

Eine vieldiskutierte Frage lautet: Wie lange dauert die Prägungszeit? Da sich Meister Böhm meines Wissens dazu (noch) nicht definiert geäußert hat, bleibt uns nur zu spekulieren oder einen logischen Schluss zu ziehen. Spekulationen führen zur Antwort: „Bis zum 21, 22. Lebensjahr“. Ja, stimmt oft. Manchmal aber nicht. Früher oder später geht auch. Aber wann jetzt wirklich? Meiner Meinung (und Erfahrung) nach, dann, wenn denn der/ die Betroffene bewusst und freiwillig Verantwortung für andere übernimmt. Sich also tatsächlich als sozial kompetent zeigt.

Für den Autor ist das der erste Tag seines Zivildienstes, sogar die Uhrzeit weiß er noch: halb zehn Uhr Vormittag. Zu diesem Zeitpunkt tritt der Zwanzigjährige durch das Gartentor einer Waldorfschule für behinderte Kinder in Wien Liesing. Da biegt um die Ecke der Gründerzeitvilla ein sechsjähriger Junge und rennt in einem Höllentempo auf ihn zu, springt ihn an, klettert an ihm hoch, umarmt ihn fest und schreit ihm in ’s Ohr: „Endlich bist du da! Ich hab‘ schon so lange auf dich gewartet“.

Es fühlt sich an, als würde jemand einen Kippschalter in seinem Gehirn umlegen, der wiederum die Weichen für sein Leben stellt. Unumkehrbar. Er weiß, ihm wurde gerade von einem sechsjährigen Autisten – der zuvor keinen anderen Menschen berührt hat, der eigentlich gar nicht wissen konnte, wer da an diesem 1. Juni 1981 kam und der noch dazu Oskar heißt, so  wie der Antiheld in Grass‘ „Blechtrommel“ – ihm wurde ein Auftrag gegeben, den er niemals brechen darf: Er wird in der Pflege oder Betreuung solcher Menschen bleiben. Sein Zivildienstkollege, so stellt sich bald heraus, ist selbst Krankenpfleger und verweist ihn auf die aktuellen Ausbildungsmöglichkeiten.

Die Konsequenzen

Fünfzehn Jahre später ist vieles anders, als geplant. Die Kinder des Autors waren nicht geplant, sind aber da (und das ist gut so), das Krankenpflegediplom wäre geplant, ist aber nicht da. Er arbeitet als Pflegehelfer in einem Altenwohnheim. Dort bastelt er – ohne Wissen seiner Vorgesetzten – an einer Methode um desorientierte Menschen durch Aktivierung zum vermehrten Trinken zu bewegen und so die Desorientierungszustände abzumildern. Irgendwann liest er in der Fachzeitschrift „Lazarus“ – die es damals noch in Papierform, ab 2005 online als „Care Letter“ gibt – die Ausschreibung für einen Pflegewettbewerb. Er nimmt teil, schickt die Ergebnisse seines sogenannten „Flü-Mo-Training“ an die Jury.

Es passiert erstmal nichts. Und dann ruft ein gewisser Erich Hofer, Herausgeber des „Lazarus“ an und teilt ihm mit, dass die Arbeit zwar hervorragend ist, ja möglicherweise sogar ernste Chancen auf den Hauptpreis hätte, er aber leider disqualifiziert worden sei, denn Pflegehelfern sei es nicht gestattet, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten. Und wann er denn nun endlich diplomiere, bitte schön?

Nun packt der Übeltäter auch vor seiner Chefin aus. Die hört sich das an und stellt ihn vor die Wahl: Entweder fristlose Kündigung wegen Kompetenzüberschreitung oder sofortige Bewerbung an einer Krankenpflegeschule, um das Diplom nachzuholen.

Zwei Jahre später diplomiert er „summa cum laude“ und wird sofort als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einige der wichtigsten Projekte des Wiener Krankenanstaltenverbundes integriert, sechs Jahre später leitet er die gerontopsychiatrischen Weiterbildungen an der AWO-Akademie Mainfranken.

Befragt, wer maßgeblich für seinen Erfolg sei, antwortet er: Ein alter Mann, ein kleiner Junge und eine Krankenschwester in einem Altenheim.  (PS: Danke Traude Schirmer!)

Conclusio

Was haben wir nun tatsächlich festgestellt in unserer kurzen biographischen Erhebung? Ein Mensch, stammend aus schwierigen Verhältnissen, kann durch Kontakt mit verantwortungsvollen anderen Menschen und einer Bildung, die mehr ist als nur Ausbildung, sein Leben und damit die Welt, in der er lebt, ändern. Um es mit Karl Marx zu sagen: „Das Sein bestimmt zwar das Bewusstsein, aber das Bewusstsein kann das Sein verändern.“

Verhindern Sie bei diesem Menschen den Drang zum freien Bildungszugang oder hindern Sie andere Menschen, die diesem einem Menschen Schutzbefohlene sind, an einem freien Bildungszugang, dann werden Sie ernste Probleme bekommen. Ermöglichen Sie es hingegen, wird der betroffene Mensch das erfahren, was wir als „hohe Lebensqualität“ beschreiben und Sie werden erfahren, was es heißt, gut gearbeitet zu haben…

Und genau dieses Prinzip gilt gleichermaßen für alle anderen Menschen auch, egal welchen Alters, egal welcher Herkunft und egal was sie an Bedürfnissen aus Ihrem Diagnosenbüchlein schütteln. Nicht nur für meinen Bildungshunger, auch für den Freiheitshunger Ihrer weglaufgefährdeten Frau Nowak, für den Bierdurst Ihres, dem Alkohol zugeneigten Herrn Wessely und Ihres, der Körperpflege gar nicht zugeneigten, schizophrenen Herrn Pospischil.

 

Falls Sie mir schreiben wollen tun Sie das. Meine Mail-Adresse lautet office@geronto.at. Wenn Sie mir nicht schreiben wollen, ist das auch okay. Aber benutzen Sie trotzdem das, was Sie zwischen Ihren Ohren tragen. Lesen Sie. Fragen Sie. Denken Sie nach. Zweifeln Sie. Denken Sie nochmals nach. Und lassen Sie sich nicht von irgendwelchen Kläffern verbellen.

 

 Mehr informationen sowie Bildungsangebote finden Sie unter:  www.geronto.at

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