Gastbeitrag: Autonomie und Selbstbestimmung in der Palliativen Geriatrie

Hände alt-jung

Die Diskussion um ethische Entscheidungen am Lebensende gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Menschen, die sich in der Palliativen Geriatrie engagieren, sehen sich mit immer mehr Regelungen zur vorausschauenden Planung konfrontiert, die Betroffenen und ihre Angehörigen fragen nach Patientenverfügungen und Betreuungsvollmachten, es wurden gesetzliche Vorgaben dazu geschaffen. Darüber hinaus braucht es eine Verständigung über das grundsätzliche Verständnis und die Praxis im Umgang mit Autonomie und Selbstbestimmung von hochbetagten Menschen.

Ende April fand daher eine zwei-tägige Mitgliederakademie der Fachgesellschaft Palliative Geriatrie (FGPG) in Wien statt mit dem Ziel, Autonomie und Selbstbestimmung von hochbetagten Menschen vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen in deutschsprachigen Länder  (Österreich, Schweiz, Deutschland und Luxemburg) zu diskutieren. Es ging um Reflexion und Gedankenaustausch, und darum, eine schriftliche Stellungnahme zu verfassen.

Die anwesenden Mitglieder beschäftigten sich mit den Fragen:

  • Was verstehen wir unter Autonomie und Selbstbestimmung? Auf welchem Menschenbild gründen wir unsere Vorstellungen von Autonomie?
  • Wie wird in den unterschiedlichen Ländern des deutschsprachigen Raums (Deutschland, Österreich, Schweiz, Luxemburg) mit Autonomie und Selbstbestimmung umgegangen? Wie ist der Umgang mit Sterbewünschen in den einzelnen Ländern geregelt – bis hin zu assistiertem Suizid und Tötung auf Verlangen?
  • Was ist das Besondere an der Selbstbestimmung in der Sorge für hochbetagte Menschen und für Menschen mit Demenz, das heißt in der Palliativen Geriatrie?
  • Welchen Unterschied macht es, ob ich Autonomie und Selbstbestimmung im institutionellen Kontext oder im häuslichen Umfeld ermöglichen will?
  • Wie wollen wir in unserer jeweiligen Praxis der Palliative Geriatrie mit den Herausforderungen, die mit Autonomie und Selbstbestimmung verbunden sind, umgehen?

Verständigung erfolgte über Bedürfnisse von sehr alten Menschen zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit. Teilweise fehlende Rahmenbedingungen wurden benannt, bestimmten aber nicht die Diskussion. Entscheidungen von betroffenen Menschen geben dem interprofessionellen Team Sicherheit. Aus den Erfahrungen der TeilnehmerInnen ergab sich die Erkenntnis, dass es immer wieder auch zu einer Rückgabe der Verantwortung kommt „Das wissen Sie besser, Schwester!“. Hochbetagte Menschen sind auf Grund ihrer Vulnerabilität und ihrer kognitiven Einschränkungen immer wieder mit Entscheidungen und den damit einhergehenden Prozessen überfordert, Autonomie kann damit auch zur „Zumutung“ werden (Heintel, 2010).

Dieses Spannungsfeld zwischen Autonomie und Achtsamkeit erfordert einen Care ethischen Zugang, geprägt von Beziehung und Vertrauen. Marina Kojer (2015) nennt es auch Alltagsethik  oder „Kleine Ethik“: Konkret geht es darum Menschen, die an vielfachen Einschränkungen wie schlechtem Hören, dementiellen Erkrankungen u.v.m. leiden, zu ermächtigen  und zu befähigen im Sinn einer Relationalen Autonomie (Gilligan, 1982), das zu entscheiden, was sie entscheiden möchten. Das erfordert Achtsamkeit und Fachkompetenz.

Es verlangt aus Sicht der TeilnehmerInnen ein maßgeschneidertes, täglich zu erneuerndes Angebot und stellt somit die Haute Couture (Kunz, 2018) von Pflege und Medizin dar.

 

Ein Positionspapier zu Autonomie und Selbstbestimmung in der Palliativen Geriatrie wird entstehen, das ein gemeinsames Verständnis widerspiegelt. Das Positionspapier wird nun von TeilnehmerInnen der Mitgliederakademie ausgearbeitet, soll im Herbst 2019 vom Vorstand der Fachgesellschaft freigegeben werden und wird dann auf der Webpage der FGPG (www.fgpg.eu) zur Verfügung stehen.

In der ersten Mitgliederakademie im Frühjahr 2018 wurde das Grundsatzpapier „Palliative Geriatrie“ erarbeitet. Über Resonanzen darüber freuen wir uns! Auch dieses Grundsatzpapier soll keine statische Position widerspiegeln, sondern wird sich weiterentwickeln.

 

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Die Fachgesellschaft Palliative Geriatrie (FGPG) ist eine gemeinnützige Organisation von AltenpflegerInnen, WissenschaftlerInnen, Ärzten/Ärztinnen, Hospizen und Palliative Care Fachkräften und Ehrenamtlichen. Sie wurde 2015 anlässlich der 10. Fachtagung Palliative Geriatrie in Berlin gegründet und setzt sich zum Ziel, den überregionalen Austausch im deutschsprachigen Raum und die Weiterentwicklung der Palliativen Geriatrie zu fördern.

Palliativgeriatrische Kompetenz – fachliche, inhaltliche, soziale, emotionale und ethische Kompetenz – kann zwar nicht die Probleme lösen, die durch defizitäre Rahmenbedingungen entstehen, aber sie kann die Reibungsverluste im Alltag erheblich reduzieren. Nur eine kompetente Altenhilfe kann Advokatin für hochbetagte Menschen sein, und Advokatin für die eigene Sache, für angemessene Bedingungen und  für eine Gute Sorge bis zuletzt.

Weitere Informationen über die Fachgesellschaft, wie Sie mit uns in Kontakt kommen und Mitglied werden können, finden Sie unter www.fgpg.eu.

Karin Böck

Über die Autorin:

DGKP Karin Böck, MAS (Pall.Care) ist Vorstandsmitglied FGPG sowie Mitglied der Lehrgangsleitung Vertiefungslehrgang Palliativpflege an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität  (PMU), Salzburg. Zudem ist sie auch Lehrende im Bereich Palliativpflege (u.a. Palliativlehrgänge, für den Dachverband Hospiz Österreich: HPCPH – Hospizkultur und Palliative Care in Alten-/ Pflegeheimen, HPC Mobil: Hospizkultur und Palliative Care in der mobilen Pflege und Betreuung Zuhause) – und verfügt über umfangreiche Praxiserfahrung in der Hauskrankenpflege und mobilen spezialisierten Palliativversorgung.

Kontakt: Handy: 0043 664 6214796, karin.boeck@aon.at

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