Internationale Evidenz gilt auch in der Schweiz: Mehr qualifiziertes Pflegepersonal verhindert Todesfälle und spart Milliarden ein

Je höher der Anteil an diplomiertem Pflegefachpersonal, umso tiefer ist das Sterberisiko für die Patient*innen und umso schneller können sie das Spital wieder verlassen. Auch in der stationären Langzeitpflege schlummert bei höher qualifiziertem Personaleinsatz ein enormes Sparpotenzial, bestätigt eine Analyse des Schweizer  Pflegewissenschaftlers Dr. Michael Simon die früheren internationalen Studien zum Thema.

SBK-GF Yvonne Ribi 04-2019

Zahlreiche internationale Studien haben bereits bewiesen, dass ein höherer Anteil von diplomierten Pflegefachpersonen im Pflegeteam das Risiko für Patienten verringert, im Spital zu sterben oder Komplikationen zu erleiden. Die Analyse von Daten des Bundesamts für Statistik BFS belegt diese Zusammenhänge nun auch für die Schweiz. „Investitionen in Pflegefachpersonal sparen Geld in Millionenhöhe und retten hunderte Leben“, sagt Yvonne Ribi (li.), Geschäftsführerin des Berufsverbandes SBK, der die Studie in Auftrage gegeben hat.

Akutspitäler: 333 Mio. Euro Sparpotenzial, 243 Todesfälle weniger
Die Daten von 135 Spitälern und rund 1,2 Millionen Patienten wurden von einem Team um den Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Michael Simon (Uni Basel) und dem Ökonomen Prof. Dr. Michael Gerfin (Un Bern) analysiert. Ziel war es, den Einfluss von den geleisteten Pflegestunden und der Zusammensetzung des Pflegeteams auf unerwünschte Ereignisse und Liegedauer zu untersuchen.

Die Analyse zeigt, dass das Risiko für unerwünschte Ereignisse steigt, je weniger qualifizierte Pflegestunden  pro Tag geleistet werden. Stehen weniger als 9.5 qualifizierte Pflegestunden pro Tag zur Verfügung und beträgt der Anteil der diplomierten Pflegefachpersonen weniger als 75 Prozent, steigt das Sterberisiko um 2 Prozent. Das entspricht 243 Todesfällen pro Jahr. Für andere unerwünschte Ereignisse, etwa Stoffwechselentgleisungen, ist der Zusammenhang noch deutlicher.
Zudem beweisen die Daten, dass ein tieferer Anteil an diplomierten Pflegefachpersonen zu längeren Spitalaufenthalten führt: weniger als 10.0 qualifizierte Pflegestunden/Tag und weniger als 88% Diplomierte im Pflegeteam führen zu 223’020 zusätzlichen Pflegetagen und damit zu Kosten von 357 Millionen Franken pro Jahr.

Pflegeheime: 42 % vermeidbare Spitaleinweisungen kosten 93 Mio. Euro pro Jahr
42 Prozent der Spitaleinweisungen aus Pflegeheimen wären vermeidbar, wie die Studie InterCare der Universität Basel zeigt. Dadurch entstehen jährlich unnötige Mehrkosten von rund 100 Millionen Franken. Vermeidbare Spitaleinweisungen erfolgen zum Beispiel aufgrund von akuten Verschlechterungen einer chronischen Erkrankung. Diese könnten verhindert werden, wenn in den Heimen genug qualifiziertes Pflegepersonal vorhanden ist, das frühzeitig reagieren und die nötigen Massnahmen einleiten kann. InterCare empfiehlt hier zum Beispiel auch den Einsatz von Advanced Practice Nurses.

geldsparen

Ambulante Langzeitpflege: Sparpotenzial von mindestens 1,4 Milliarden Euro
Nur etwa 4,6 Prozent der Spitaleinweisungen von über 65-jährigen Menschen erfolgen aus Pflegeheimen. Das Volumen vermeidbarer Spitaleinweisungen aus dem ambulanten Bereich ist folglich um ein Vielfaches höher, das Sparpotenzial beträgt mindestens 1.5 Mrd. Franken.

Fazit: Investitionen in Pflegefachpersonen lohnen sich
„Die nun vorliegenden Zahlen zeigen deutlich, dass es sich finanziell lohnt, in die Qualifikation des Pflegepersonals zu investieren. Die Rechnung ist einfach: Man erhöhe den Anteil der diplomierten Pflegefachpersonen in den Spitälern auf 80 Prozent. Damit steigt zwar die Lohnsumme um einige Millionen Franken, man spart so aber 357 Mio. Franken ein. In der Langzeitpflege ist der Effekt noch deutlicher. Und das ist nur die finanzielle Seite. Das unnötige Leiden, das man verhindert, kann man gar nicht beziffern“, sagt Yvonne Ribi. Diese Zahlen müssten in die politischen Diskussionen einfliessen, wenn über Kostendämpfungsmassnahmen, Patientensicherheit und die ´Pflegeinitiative´ debattiert werde, fordert Frau Ribi.

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