Rezension: Biographisches Lexikon zur Pflegeschichte – Band 9

Cover zu KOLLING Biographisches Lexikon, Band 9

Das „Biographische Lexikon zur Pflegeschichte“ wurde vom Herausgeber, dem Krankenpfleger Hubert Kolling, um den aktuellen Band 9 erweitert.

 

Hubert Kolling (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in nursing history“, Band 9. Verlag hpsmedia. Hungen 2020, 327 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-947665-03-7

 

Inzwischen ist es im deutschsprachigen Raum zu einer festen Institution geworden: das „Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“, das bislang neun Bände mit zusammen gut 1.400 Einträgen umfasst. Begründet von dem Pflegehistoriker Horst-Peter Wolff (1934-2017), liegt die Herausgeberschaft seit dem vierten Band (2008) in Händen von Dr. Hubert Kolling, zu dessen Forschungsschwerpunkten insbesondere die Pflegegeschichte gehört. Hierzu veröffentlichte der Krankenpfleger und promovierte Diplom-Politologe zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge; zudem schreibt er regelmäßig in der 2012 von ihm mit ins Leben gerufenen, zweimal jährlich online und im Druck erscheinenden Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe“ (http://www.geschichte-der-pflege.info/).

In seinem Vorwort weist der Herausgeber darauf hin, dass einige der aktuellen Probleme im deutschen Gesundheitswesen, genauer gesagt der anhaltende Mangel an professionellen Pflegekräften, keineswegs neu sind, wie ein Blick in die Geschichte zeige. Ebenso habe es zu allen Zeiten Menschen gegeben, denen die Krankenpflege besonders am Herzen lag und die sich deshalb zu deren Verbesserung auf ganz unterschiedlichen Ebenen immer wieder einsetzten. „Wer unterdessen mehr über solche Personen und deren Wirken wissen möchte, sei auf das ‚Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte‘ verwiesen“ (S. 7). Dass es in Deutschland noch immer keinen Lehrstuhl zur Geschichte (und Ethik) der Krankenpflege gibt bedauert Hubert Kolling umso mehr, als das Thema in der Ausbildung und im Studium bisher kaum eine Rolle spielt und das Bewusstsein der Pflegenden für ihre eigene Berufsgeschichte – trotz der inzwischen rund dreißigjährigen Akademisierung der Pflege – noch immer äußerst schwach ausgeprägt sei.

Wie die Bände 1 bis 8 bietet auch Band 9 des Lexikons eine schnelle Übersicht über die Lebensdaten, das Wirken und die Bedeutung von Frauen und Männern, die in der Pflege beziehungsweise für die pflegerische Versorgung und deren Weiterentwicklung eine besondere Rolle spielten. Das Spektrum reicht dabei neben unmittelbar in der Pflege Wirkenden von Adeligen und Medizinern über Theologen bis hin zu Gewerkschaftern, zu denen Pflegehistoriker, Pflegewissenschaftler, Pflegedirektoren, Hospitalgründer und deren Vorsteher, Lehrbuchautoren, Vertreter der mittelalterlichen Krankenpflege, Gründer von Krankenpflegeorden sowie Ordensgemeinschaften und Schwesternschaften, ebenso wie Repräsentanten der Mutterhäuser hinzukommen. Berücksichtigt wurden auch solche Personen, die mehr in die Breite als in die Tiefe und mehr zerstörend als aufbauend wirkten. Dementsprechend finden für die Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) sowohl Inhaber von für die Krankenpflege wichtigen politischen Ämtern Aufnahme, als auch solche Pflegepersonen, die sich an der sogenannten „Euthanasie“ beteiligten. Demgegenüber sind auch Personen aufgeführt, die sich dem Unrechtsregime – zumeist unter großem persönlichen Risiko für Leib und Leben – entgegenstellten. Selbstverständlich fehlen hier auch die Lebensgeschichten und Schicksale der Förderer und Praktiker der jüdischen Krankenpflege nicht.

Die überwiegende Zahl der aktuell rund 90 vorgestellten Personen stammt aus dem deutschsprachigen Raum, darunter aus Österreich Hildegard Burjan (geborene Freund) (1883-1933), die Gründerin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS), und Schwester Hildegard Waldtraud Teuschl (1937-2009), die sich große Verdienste um die Hospizbewegung in Österreich erworben hat. Neben der Schweiz sind auch Brasilien, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kroatien, Niederlande, Polen, Taiwan, Tschechien und die USA mit einigen pflegehistorisch bedeutenden Persönlichkeiten vertreten, wobei generell – entsprechend der beruflichen Entwicklung der Pflege – ein gewisser Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert liegt.

Mit aufgenommen wurden auch einige, erst jüngst Verstorbene, so der Hochschullehrer Heribert W. Gärtner (1955-2017), die Medizin- und Pflegehistorikerin Sylvelyn Hähner-Rombach (1959-2019), die Pflegewissenschaftlerin Edith Kelnhauser (1933-2019) und der Pflegehistoriker Horst-Peter Wolff (1934-2017).

Bei der überwiegenden Zahl der Beiträge, die von 25 Autor*innen aus dem In- und Ausland verfasst wurden, handelt es sich um Neubearbeitungen, in einigen Fällen – zu denen neue relevante Informationen vorlagen – um aktualisierte und erweiterte Überarbeitungen.

Aufgebaut sind die Beiträge jeweils in der Art, dass sie das Leben und Wirken der einzelnen Personen im Kontext der zeitgenössischen politischen und sozialen Rahmenbedingungen vorstellen. Mit Hilfe der für jeden Beitrag separat aufgeführten Quellen- und Literaturangaben, die zugleich den aktuellen Forschungsstand dokumentieren, ist eine weitergehende Beschäftigung oder vertiefende Betrachtung leicht möglich. Besonders hilfreich ist hierbei, dass eine Vielzahl der in den einzelnen Bänden des Lexikons vorgestellten Personen durch Querverweise miteinander verknüpft sind.

Hubert Kolling hat den vorliegenden Band dem Pflegehistoriker Horst-Peter Wolff (1934-2017) gewidmet, der nicht nur die pflegehistorische Biographieforschung in Deutschland begründete und hierzu (im Eigenverlag und in Mikroauflage) zahlreiche Studien publizierte, sondern auch – teilweise zusammen mit seiner Frau Jutta Wolff – mehrere Lehrbücher zur Geschichte der Krankenpflege veröffentlichte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Band 9 des „Biographischen Lexikons zur Pflegegeschichte“, der auch ein Gesamtverzeichnis aller bislang darin bearbeiteten Personen enthält, seiner Leserschaft tiefe Einblicke in die Geschichte und Entwicklung der Krankenpflege beziehungsweise über das Leben und Wirken ihrer Protagonisten bietet. Insofern erfüllt das Werk zunächst die Funktion eines nützlichen und wichtigen Nachschlagewerks für alle pflegehistorisch Forschenden. Darüber hinaus kann es aber auch von allen, die sich für die Pflegegeschichte interessieren, als spannendes „Lesebuch“ gewinnbringend zur Hand genommen werden. Insofern ist dem Buch, das in jedem Fall in den Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen der Gesundheits- und Krankenpflege einen festen Platz haben sollte, weite Verbreitung zu wünschen.

Manfred Pappenberger

 

Anschrift des Verfassers

Manfred Pappenberger –  Zur Mühle 12, D-96129 Strullendorf, Mail: mpappenberger@yahoo.de

 

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